Montag, 3. März 2008

I've got the Blues...

...oder wie man das heute nennt.
Am Wochenende hatte ich das zweifelhafte, selbstbestimmte Vergnügen, mir eine einstündige Sendung auf einem angeblichen Musiksender anzusehen.
Allerdings haben die augenscheinlich mehr damit zu tun, junge, braungebrannte Menschen mit Profilneurose zu verkuppeln, als Musikvideos abzuspielen.
Bei der Sendung, die ich mir antat, ging es tatsächlich um Musik. Genauer gesagt durfte das geneigte Publikum die Reihenfolge von zehn Videos einer sog. Künstlerin (ugs. für Person mit -> außergewöhnlicher Kleidung und -> Begabung) voten (ugs. für auswählen). Zwischen den nicht komplett gezeigten Videos erzählte eine V-Jane (ugs. für weibliche Person, die a) so tut, als hätte sie Ahnung von Musik, ~Geschichte und b) Videos -> ansagt) völlig belangloses Zeug über die -> Künstlerin, wie z.B.
- "Eigentlich hatte se ja ihren ersten großen Hit schon vor ein paar Jahren, aber in Deutschland kannte se da noch keiner."
- "Die Frisur war total schwer nachzumachen!"
- "An meinem Outfit seht ihr vielleicht schon, um wen's heute geht, ich hab mal versucht, mich genau so lasziv auf das Sofa zu legen..."
Über die mehr als offensichtliche Magersucht der -> Künstlerin, ihren Drogenkonsum, ihre Begabung, keinen wirklich reinen Ton zu treffen und die Tatsache, das ihre Haare einem verlausten, angefaulten Wespennest glichen, fiel kein Wort.
Der Hammer allerdings war folgende Bemerkung:
"...weil ihr Musikstil, dieser Blues und Jazz ja was ganz neues war..."
Es haute mich aus den Socken.
Ganz im Ernst.
Wikipedia behauptet, dass sich Jazz um etwa 1900 herum und Blues gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte.
Mein Vater sagt das auch, und der ist Musiker.
Doch laut MTV (ja, ich habs gesagt. Ich weiß.) entstanden diese Musikrichtungen, die per definitionem Crossover-Richtungen darstellen, so um 2003 herum.
Hab ich was verpasst? War die Musik aus dem Radio und von Schallplatten nur Illusion? Hat Justin Timberlake endlich zugegeben, dass er Britneys verschollene Zwillingsschwester ist?
Ich bin mir nur nicht mehr ganz sicher, ob die Redensweise I've got the Blues inzwischen nicht einfach nur noch auf einen ziemlich miesen Musikgeschmack hinweist anstatt auf die gedrückte Stimmung des Sprechers.
R&B ist bekanntlicherweise - oder etwa nicht? - die Abkürzung für Rhythm and Blues. Der Rhythmus bezieht sich in den folgenden Fällen vermutlich auf den einschläfernden, nicht sonderlich innovativen Beat der Musik (wenn man das so nennen darf).
Aber Blues? Nein, die Sängerinnen hören sich lediglich so an, als würden sie permanent Taschentücher brauchen.
*heul*

"Blues/Jazz" singen momentan:
- Alicia Keys ("No one no one no owowowowooooon, blub")
- Oben Beschriebene alias Amy Winehouse ("Die wollten, dass ich in die Reha geh [wegen übermäßigen Drogenkosums], aber ich hab nein gesagt...")
- Leona Lewis (I keep, keep bleeding love, Keep bleeding Keep, keep bleeding love, You cut me open, Das muss doch WEH TUN!)
- und jede Menge anderer, total unnötiger -> Künstlerinnen, die aber im Moment in den Medien nicht allzu präsent sind.

In Fachkreisen wird gemunkelt, das diese Musik als romantisch, tiefgründig und anspruchsvoll klassifiziert werden soll.
Ich rate dringend davon ab.

Alles Hübschhässliche.

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