Warum hab ich mich überhaupt dazu breitschlagen lassen, meine Schwester und ihre Freundin nach Hause zu taxieren? Nächstes Mal sollen die selber sehen wie sie heimkommen. Ehrlich, liefe bei mir jeder Abend so ab wie dieser, ich würde wahrscheinlich Depressionen kriegen. Oder an akutem Stumpfsinn erkranken. Oder Zuflucht im Alkohol suchen. Oder alles zusammen. Der Durchschnitt scheint hier ja bei zwei von drei zu liegen – und dabei handelt es sich in der Regel um die beiden zuletzt genannten Möglichkeiten. Lassen wir diesen Abend mal Revue passieren.
Ich hab mich also dazu bereit erklärt, die beiden nach Hause zu fahren, weil ja Feiertag ist und deswegen keine Busse fahren und ich ja sowieso freitags das Auto habe und so weiter. Weil mein favorisiertes Ziel aus Feiertagsgründen ebenfalls geschlossen hat und meine Freunde wegen der Ferien wer weiß wo überall verstreut sind, entschließe ich mich eben, den beiden für einen Abend Gesellschaft zu leisten.
Ca. 19:30, vielleicht auch schon etwas später:
In einer Art Café treffe ich die beiden Damen im so ziemlich verstecktesten Winkel an. In diesem Etablissement ist das beliebteste Getränk eine heiße Schokolade, die zu etwa 95% aus Zucker besteht. Aber heute Abend habe ich anscheinend Glück, denn mir lacht eine Früchteteegesellschaft entgegen. Während ich meine Bestellung an der der Damen ausrichte, flammt in mir die Hoffnung auf, dass dieser Abend möglicherweise gar nicht so schlimm wird. Man erzählt sich ein paar kleine Anekdoten, liest den Teesatz (mit anderen Getränken geht das besser), natürlich wird man auch Zeuge der Entstehung von spontanen Stillleben und Detailaufnahmen des Inventars durch die immerzu mitgeführte Digitalkamera, aber große Selbstfotografien-Orgien, die ihre finale Ruhestätte auf Myspace oder SchülerVZ finden, bleiben glücklicherweise aus. Die beiden versuchen, mich zu überreden, sie einzuladen. Mädels, ich fahr euch doch schon, und so viel Geld verdiene ich mit meiner Zivi-Stelle auch nicht!
Ab ca. 20:00
Wechsel der Örtlichkeiten, es geht weiter in eine nahe gelegene Kneipe. Theoretisch gesehen bietet dieser Ort die perfekten Voraussetzungen für einen gelungenen Abend, die Musik ist im Gegensatz zu den meisten anderen Clubs erstens gut und zweitens leise genug, dass tatsächlich eine Unterhaltung möglich ist. Es kommt auch eine Unterhaltung zustande, nur dumm, dass diese hauptsächlich von Insidern meiner Begleiterinnen geprägt ist. Die Damenschaft bestellt sich Getränke auf Bierbasis. Ich als Fahrer begnüge mich für den ganzen Abend mit einer Spezi und einer Sprite. Irgendwann setzt sich irgendein Student mit an den Tisch, der offenbar mit meiner Begleitung bekannt ist. Es beginnt ein hochinteressantes Gespräch, dessen Hauptinhalt es ist, die auswendig gelernten, besten Passagen aus einer TV-Serie zu rezitieren. Ja, ich weiß, die Simpsons sind göttlich. Und dieses Gespräch wäre auch wirklich die Zeit wert, die es beansprucht/totschlägt, wenn ich diese ganzen Zitate nicht selbst schon auswendig kennen würde.
Ca. 22:30
Mit der Zeit gesellt sich ein weiterer Student zum Tisch hinzu, das Gesprächsthema bleibt die meiste Zeit dasselbe. Irgendwann wird auch ein Buch zum Teil des Gesprächs, man führt uns ein darin vorkommendes Bilderrätsel vor. Um was es in dem Buch geht, hab ich nicht rausgekriegt. Nur absolut krank soll es sein. Irgendwann wechseln wir zur Sitzgruppe. Das Sofa ist zwar weicher, aber wenn man bedenkt, wie gedrängt wir darauf zunächst Platz nehmen müssen, wird die Frage, ob es bequemer war als vorher, eher zu einem streitbaren Thema. Durch den Ortswechsel hat sich nur die Anzahl der Personen am selben Tisch erhöht. Von einer Steigerung des Gesprächsniveaus bekomme ich nichts mit. Irgendwas stinkt nach Sauerkraut. Ich bin hundemüde. Nächstes Mal bestell ich wieder ne vollwertige Cola. Wie spät ist es? 23:30? Ist das nicht eine gute Zeit, um heimzufahren? War ja nur ein Vorschlag. Ich bin echt hundemüde. Versuche, durch Zurücklehnen und Augen ausruhen wieder ein wenig wacher zu werden und lehne mich im Kampf gegen die Einengung zurück. Ich werde nicht wacher, aber richtig schläfrig bin ich auch nicht. Nur müde. Ich versuche, wieder das Thema des Gesprächs aufzuschnappen, sehe aber, dass sich mit Ausnahme der Hinzunahme von Internet-Videos in den engen Themenpool nicht viel geändert hat. Der Rat von meiner Schwester Freundin: „Schlaf ruhig weiter.“
Ca. 01:30
Verdammt, langsam werde ich wieder einigermaßen wach. Die Essenz des Gesprächs ist immer noch die gleiche. Offenbar schauen sich die Herren Studenten ihre ganzen Serien im Originalton an, war schon zu vermuten, da ihre Zitate nicht exakt mit der offiziellen Übersetzung übereinstimmten. Jetzt, zu fortgeschrittener Stunde und fortgeschrittenem Alkoholpegel fallen die spontanen Übersetzungen natürlich schwerer, daher wird eben auf Englisch zitiert. Auch wenn ich jetzt wach bin, und aus purer Langeweile fast schon wieder Interesse am Gesprächsinhalt habe, muss ich schnell resignieren, da ich aufgrund der vom Alkohol betäubten Zungen nur noch die Hälfte verstehe. Inzwischen sind auch Sauf- und Kotzgeschichten in den Gesprächsstoff eingeflossen, nur um zu erwähnen, dass es nicht den ganzen Abend um TV-Serien ging. Wie sieht es mit meiner weiblichen Begleitung aus? Die scheinen noch das gesamte Gespräch zu verstehen, oder sie tun zumindest so und haben trotzdem ihren Spaß. Vielleicht muss man dafür auch einfach nur genug Alkohol getrunken haben.
02:30
Die Kneipe schließt ihre Pforten, fünf Menschen stehen auf der Straße. Genauer gesagt, zwei Studenten mit jeweils ca. sieben Bier intus, zwei Schülerinnen mit drei Bier oder Radler und ein Fahrer mit einer Spezi und einer Sprite. Am Ende des Abends haben wir noch festgestellt, dass wir ziemlichen Hunger haben und ich habe eine mögliche Pizza ins Gespräch gebracht. Die beiden Studenten haben daraus dann eine Dönerpizza gemacht, die wir unbedingt mal probieren sollten. Ein echtes Pech, dass die angepeilte Dönerbude wider Erwarten schon geschlossen hat. Das wäre ein guter Zeitpunkt, zum Auto zu gehen und heimzufahren, denk ich mir. Aber die Gesellschaft marschiert lieber einfach mal so ins Blaue hinein. Und die Mädchen finden’s auch noch toll. Haha, von wegen ins Blaue. Das Ziel ist natürlich eine andere Dönerbude. Da bestellen sich die beiden Studenten ihre Döner. Für sich. Der Rest der Gruppe wartet im penetrant nach Knoblauch stinkenden Essraum darauf, dass die beiden fertig gegessen haben. Wie lange soll das eigentlich noch dauern? Ich versuche, die beiden Damen mit einer Pizza zu bestechen, die ich ihnen in einer Pizzeria spendieren will, die auf dem Weg zum Auto liegt. OK, letztendlich stellt sich heraus, dass die auch schon zu ist (Ich hätte eine gekauft, wenn offen gewesen wäre, ehrlich!). Aber wenigstens sind wir jetzt auf dem Rückweg zum Auto. Die beiden Studenten kommen mit, weil nur ein kurzer Umweg zu ihren Häusern nötig wäre. Einer versucht, mich auf dem Weg dazu zu überreden, statt meines zuvor angestrebten Studiengangs im gestalterischen Bereich etwas vollkommen Trockenes, Technisches zu studieren. Mann, glaubst du echt, ich hätte das ausgeschlossen, wenn mich etwas in der Richtung auch nur ein bisschen interessieren würde?
03:11
Nach einer irrational lang andauernden Tour komme ich endlich mit meiner Schwester daheim an.
03:32
Endlich liege ich in meinem Bett. Nächstes Mal dürft ihr wieder Bus fahren.
Wir danken dem Verfasser für diesen ausführlichen, unter Lebensgefahr geschriebenen Bericht.
Armer Junge!
Für Clubbing sind wir zu doof.