"Ich kenn da ein Mädchen aus meiner Klasse, und die hat ihren eigenen Klon, der keinen eigenen Willen hat!"
"Sind doch Vollpfosten."
"Und die Vera-Marie hat Klamotten von H&M, mit denen sie aussieht wie alle anderen!"
"Auch Vollpfosten."
"Fionn, wenn ich groß bin, will ich auch mal Vollpfosten werden!"
So oder so ähnlich könnte sich ein Gespräch zwischen meiner (fiktiven) kleinen Schwester und mir abspielen. Die Beispiele entstammen meinem eigenen Umfeld, einer Kunstschule in Frankfurt AM, und erbringen wieder mal den Beweis, dass Individualisten so gar nicht mehr das sind, was sie mal waren.
Nehmen wir als Positivbeispiel zuerst die 68er: Die revolutionierten damals mit abgetragenen Klamotten und langen Haaren gegen eine Wohlstandsgesellschaft, die heute (wie in dem oben zitierten Bauspar-Werbespot) wieder propagiert wird. Sie lebten von biodynamischem Grünfutter und bauten ihre Häuser von Grund auf selbst - nix Bausparen -, zogen ihre Kinder ohne staatliches Schulsystem auf und fanden ihr Seelenheil auch außerhalb des schnöden Mammon.
Bevor die Drogen kamen, versteht sich.
Diese Bewegung zog sich bis in die frühen 90er-Jahre hin, selbst ich bin noch mit gewissen Anklängen auf verweiblichte Natur, Grünkernbratlinge und Birkenstocklatschen groß geworden.
Es hat mir nicht geschadet.
Ganz anders heute. Heute kann man Individualismus in verschiedene Gruppen aufteilen.
1. Die Wochenend-Individualisten
Nennen sich auch Raver, Manager oder erfolgreich. Diese Spezies macht Yoga, schickt ihre Kinder auf Eliteschulen und zu Supernannis, die dank "alternativer, freiheitlicher Erziehung" mit den Blagen kaum fertig werden und feiert in Edelkneipen, die noch einen (sauteuer erkauften) Touch vom "Pub nebenan" haben müssen und in denen man sich wieder fühlt wie in der von Papi finanzierten Studienzeit. Die sind eigentlich halb so wild
2. Die Hau-Ruck-Fraktion
Da müssen es schon Dreadlocks, kiloweise Blech in der Visage oder zumindest knallbunte Haare und eine Null-Bock-Attitüde sein. Der Lebensraum dieser Art erstreckt sich auf die Flächen vor Einkaufszentren, Kunstschulen, staatliche oder private Gymnasien, Jungpolitiker-Debatten und Demos, bei denen man nicht mal weiß, wogegen oder wofür sie eigentlich sind. Meist finanziert von Mami und Papi entwickeln sie sich nicht selten zu Typus 1, wenn sie erst mal den sicherheitsnadelgespickten Palituchwindeln entwachsen sind und gelernt haben, wozu Shampoo und Haarbürste im Bad vor sich hin stauben. Diese Menschen rennen oft überall hin, wo Folk drauf steht, auch wenn gar kein Folk drin ist. Aber hierzu ein anderes Mal mehr.
3. Die Schlimmste Sorte
Das sind die kleinen, auf naiv machenden Tussis, die bei Hager & Mager einkaufen, nie über Kleidergröße 36 rauskommen und glauben, dass sie mit viel Mascara in der Schule mehr erreichen als mit einem IQ, der über dem eines Toastbrotes liegt ("Meine Arme sind so kurz! ...Herr XY, können Sie mir ma' helfen?" Und das mit einem Ausschnitt bis zum Bauchnabel).
Auch neigen sie dazu, sich so lange in eine Backröhre alias Sonnenbank zu legen, bis sie ehr einer Karotte als einem menschlichen Wesen gleichen: gefurcht, mit überstraffer Haut und orange.
Dazu passend gibts den Stufenschnitt, der alle acht Tage nachgeschnitten werden muss, nicht zu vergessen die Strähnchen (wahlweise in strohdumm oder beachburned), die Maniküre und der/ die/ das neuste Lippgloss, das in der Zusammensetzung etwa dem nach dem Einkaufsexzess eingenommenen Frischfutter bei McDoof gleicht.
Diese Spezies existiert auch in der männlichen Form, wird aber weit seltener als solche erkannt. Merkmale sind exzessiver Handygebrauch (das neuste Aufklappmodell), unpraktische Taschen (die Handtasche für den Mann ist im Kommen), stone-washed Jeans und ein arroganter Gesichtsausduck, bei dem ein drübertätowiertes Metrosexuell, alternativ auch Bambi wirklich keinen Schaden mehr anrichten kann.
Kritik in jeglicherForm kennen diese Leute nicht. Alles, was im Trend liegt, ist toll, Mitläufer, und stolz drauf! Egal ob Fluch der Karibik, Herr der Ringe, Röhrenjeans oder inflationärer Lila-Gebrauch, auf Gesundheitsschädlichkeit, historical correctness oder Stil wird nicht geachtet.
Auch die Individualistenuniform entspringt dieser Bevölkerungsgruppe, die sich für unwahrscheinlich orginell hält.
Der Beitrag zur Individualistenuniform folgt im Laufe der Woche.
Dies ist eine Kritik-Reihe.
Für Genauigkeit der Angaben besteht keinerlei Gewähr, allerdings bestätige ich, dass meine Recherchen besser sind als die von Galileo Mystery.
Einen schönen Abend noch.
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