Mittwoch, 20. Februar 2008

The Crucible - Ganz klasse.

Ja ja, die leidige Schullektüre. Zuerst lesen wir sie, dann schreiben wir eine Arbeit darüber und am Ende müssen wir uns auch noch den Film ansehen.
Das Lesen war ja noch anständig, ging schell und war, bis auf einige Diskussionen, schmerzlos. Das einzig Bejammernswerte, das mir hierzu einfiele, ist Folgendes:
Es geht um die Frage, warum sich Pastor Parris denn bitte schön so aufgeregt hat, als er seine Tochter und seine Nichte beim Nackttanzen im Wald erwischte.
Drei Antworten in chronologisch korrekter Reihenfolge:
Schüler 1 (zu): "Ja Mann, der is' halt Pfarrer und darf doch deshalb nich' und so und vielleicht war das ja so seine unterdrückte Sexualität und so...." (Grinst dämlich)
Fionn: "Bezweifle ich stark. Das Stück spielt im siebzehnten Jahrhundert in Amerika. Jeder, der sich mit der epochalen Geschichte dieser Zeit auch nur ein bisschen auskennt, weiß, dass die damaligen weißen Einwohner Amerikas zum Großteil Protestanten waren, die von Maria der Katholischen aus Großbritannien vertrieben worden waren. Außerdem hat Parris eine Tochter, die in ihrer Trance unaufhörlich von ihrer Mutter schwafelt, ergo muss er mal verheiratet gewesen sein (als Witwer noch mal studieren war damals nich').
Ich glaube, der ist einfach nur prüde und verklemmt, er ist schließlich Puritaner."
Ja, ich hör mich im Unterricht tatsächlich so an.
Schülerin 2: "Ja weil der ist doch katholisch, und da darf der doch überhaupt keine Frau..."
Fionn: "Sag mal, wie blöd bist du eigentlich?" (Das war gemein. Aber manchmal glaube ich, die Welt ist das auch, und was die darf, darf ich schon lange.)

...

Ganz recht.
Die Arbeit war soweit auch in Ordnung. 98 von, ich glaube 100 erreichbaren Punkten, macht eine glatte Eins (muhar. Trotzdem habe ich nur eine Drei im Zeugnis, was nicht zuletzt auch an meinen häufigen Mittwochs-Fehlzeiten liegen könnte... Oder an der vergeigten Grammatikarbeit.)
Auszug:
Frage: 5. Lässt sich die in Hexenjagd dargestellte Thematik auf die heutige Zeit, auf unser gesellschaftliches Umfeld beziehen? Begründen Sie Ihre Einschätzung ausführlich.
Die Thematik der "Hexenjagd" lässt sich durchaus in unsere Zeit und Gesellschaft übertragen. Bringt erst jemand den Stein ins Rollen, entwickelt er sich schnell zur Lawine.
Das beste Beispiel ist die Panikmache durch die Medien, die, durch eine einzelne Zeugenaussage beeinflusst, eine wahre Hetzjagd veranstalten können (Beispiel: Der Kinderschänder-Prozess um Michael Jackson).
Unsere Gesellschaft ist durch die Deindividualisierung durch den Popularitätswahn abgestumpft genug, beinahe jeden, entschuldigen sie meine Ausdrucksweise, Mist zu glauben, der ihr zum Fraß vorgeworfen wird, erst recht, wenn sie sich blindlinks an einen charismatischen Anführer hängt.
Menschen sind Herdentiere, sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Sie wollen zu einem Glauben verführt werden (nicht nur religiös gesehen), wollen blind folgen und haben den bedauerlichen Hang, allen Anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben.
Ja, die "Hexenjagd" würde auch heute noch funktionieren.

So weit, so gut. Der Hammer war nur, dass, als ich mich heute arglos auf die erste Deutschstunde seit über einem Monat freute (Weinachtsferien, Krankheit und Praktikum), wir in einen Medienraum gelotst wurden, und unsere Lehrerin verkündete:
"Wir schau'n uns heute den Film zur Hexenjagd von Arthur Miller an."
Nun, aus der letzten Reihe kam sofort ein abfälliger Kommentar (von mir).
"Ich mag aber keine Literaturverfilmungen."
"Och", meinte da die Lehrerin, "Die ist nicht so schlimm, die ist ganz schnulzig."
"Eben drum.", brummte Fionn.

Die Kurzzusammenfassung für all jene welche, die die Handlung noch nicht kennen:
Salem, Ende des 17. Jahrhunderts. Ein paar pubertierende Mägdelein aus der Puritanersiedlung bekommen von Mommy und Daddy keine Reizwäsche und müssen deshalb nackt im Wald rumhopsen, immer in der Hoffnung, die Objekte ihrer Begierden könnten sie bei ihrem "Liebeszauber" rein zufällig entdecken und in heißer Leidenschaft entbrennen.
Dummerweise streift aber nicht ein Trupp gutaussehender Holzfäller/Feuerwehrmänner/Bauernburschen durch den Wald, sondern der erzkonservative, aber luxusverliebte Pastor Parris, und bei ihm entbrennt auch nicht Lendenfeuer, sondern eine Stinkwut, als er seine einzige Tochter und seine Nichte Abigail, die sich grade mit Hühnerblut besudelt hat, ums Feuer tanzen sieht wie die Ku-Klux-Schlümpfe.
Parris' Tochter kriegt eine schreckbedingte Paralyse und Krampfstarre, die auch auf eine Mutterkornvergiftung zurückzuführen sein dürfte, und daraufhin kommt natürlich jeder sofort drauf:
Das kann ja nur Hexerei gewesen sein!
Als erstes wird natürlich die schwarze Sklavin beschuldigt, auf dreifachen schriftlichen Antrag des Teufels die Teenies behext zu haben, was sie auch zugibt. Da sieht man mal wieder, dass unzureichende Sprachkenntnisse von angeklagten Zuwanderern (wenn auch unfreiwilligen) auch schon vor knapp 300 Jahren schamlos ausgenutzt wurden.
Erstaunlicherweise behauptet sie zwar, ihre Seele dem Wasweißichwievielgehörnten in einem Buch mit ihrem eigenen Blut bla bla überschieben zu haben ("Für ein Entgeld"), sagt aber dann doch, dass ihre Seele Gott alleine gehöre.
Was stimmt hier nicht?
Es geht weiter. Im Laufe des Films erfährt der geneigte Zuschauer, dass Abigail, die augenscheinlich eine gewisse Reputation als Dorfmatratze mit sich herumträgt (nicht ganz unfreiwillig, wie mir scheint), eine kleine Affäre mit John Proctor, einem verheirateten, superaufgeklärten, megacoolen Bauern hatte. Ich zitiere frei aus dem Film:
"Sag nicht, wir hätten uns nicht berührt, John Proctor! Du hast geschwitzt wie ein Hengst [...]"
Die Frage ist nur: Wollten wir das wirklich wissen?
Und lassen sich so nicht auch die hexereibedingten Erscheinungen erklären?
"Ich wachte auf und stand nackt in meinem Fensterrahmen!"
Warum wohl?
"John, jeden Abend erwarte ich dich voller Sehn..."
...würg.
Tja, anschließend klagt Abigail Proctors Frau der Hexerei und dem versuchen Mord an ihr an und findet das auch noch lustig, weil sie doch jetzt ganz in Weiß und sooo unschuldig John heiraten kann.
Weiter sind wir nicht gekommen, aber die Folter findet nächsten Mittwoch ihre Fortsetztung.
A jolly farewell for now.

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